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Vom Vogelherd zur Kanzel
Pfarrer Heinrich Reichenbach, der zur Zeit Napoleons in Witzhelden Gottes Wort verkĂĽndete, war nicht nur ein guter Seelsorger, sondern auch ein
naturverbundener Mann. Als „eingeschriebenes „ Mitglied der Vogelfängerzunft unterhielt es neben seinem Studierzimmer auf dem Speicher seines Pfarrhauses auch eine Vogelstube. Hier pflegte er seine Lockvögel,
mit deren Hilfe ihm auf dem Vogelherd manch einfallender Vogel ins Garn ging.
Pfarrer Reichenbach wanderte zur Zeit des Vogelzuges oft hinaus zum Herd wie weiland sein herzoglicher Zunftgenosse. An einem schönen Herbstsonntag trieb ihn
seine Passion in aller Morgenfrühe hinaus in den von Waldesgrün eingebetteten Vogelherd. Vor dem Gottesdienst wollte er schnell noch einen „Zug“ tun. Nachdem
er die Lockvögel auf die Stangen postiert, und das Garn mit den rotlackierten Beeren der Eberesche garniert hatte, setzte er sich hinter den getarnten Sehschlitz
und wartete geduldig der Vögel, die da einfallen sollten. Wie es beim Vogelfang aber nun einmal so geht – entweder „trecken“ die Drosseln in Schwärmen, oder
aber es lässt sich kein „Biemer“ sehen. An diesem Sonntagmorgen musste Pfarrer Reichenbach sehr lange warten...
In dem Moment, wo sich der erste Vogel aufs Garn niederlieĂź, riefen die Glocken der Witzheldener Kirche zum Gottesdienst. Pfarrer Reichenbach erschrak. Hastig
zog er am Griff und – unter dem Netz zappelte ein Vogelleben. Mit sicherer Hand holte er den piepsenden Biemer unter dem Netz hervor und
steckte ihn behutsam in die linke Innentasche seines Rockes. Der unter Zeitdruck stehende Seelsorger ließ Kiepe und Lockvögel am
Vogelherd zurück und eilte mit fliegenden Rockschößen ins Dorf zum Gottesdienst. Mit den letzten Kirchgängern erreichte er das Pastorat.
Als er mit wehendem Talar und schiefsitzendem Bäffchen schnaufend in der Sakristei anlangte, verklangen die letzten Akkorde des
Eingangsliedes. Beim Verlesen der Liturgie tropften SchweiĂźperlen von seiner Stirn. Auf der Kanzel schlug sein Herz schon ruhiger. Die
Geschichte vom Pharisäer und vom Zöllner wollte der Seelsorger an diesen Sonntag der Gemeinde nahe bringen. Als er das Gebet des
Zöllners mit einem Schlag auf seine linke Brustseite bekräftigte, war es ihm, als ob er unter seinem Amtskleid ein warmes Polster gespürt habe: der Krammetsvogel!
Pfarrer Reichenbach fĂĽhlte sich mitten in der Predigt in den Vogelherd zurĂĽckversetzt. Er hatte den gefangenen Biemer flugs in die Brusttasche
gesteckt, war zur Kirche geeilt und hatte vergessen, den Vogel zuvor aus dem provisorischen Taschennest in den geräumigen Vogelbauer
entschlüpfen zu lassen. Das Bewusstsein, mit einem Vogel in der Rocktasche auf der Kanzel zu stehen, ließ den Pfarrer für einen Atemzug lang den Faden verlieren. „Der arme Biemer!“
, platzte es mitten in der Predigt heraus.
Die leichte Verwunderung der Gläubigen ließ ihn jedoch schnell wieder zum Thema zurückkehren, so dass er die Geschichte vom Pharisäer
und vom Zöllner ohne weitere thematische Abschweifungen folgerichtig interpretieren konnte.
Zwei Kirchenbesucher sollen den Gottesdienst auf unterschiedliche Art kommentiert haben. Frau Peters stellte fest:“ Unser Pfarrer hatte heute
wieder einmal seinen großen Tag.“ Otto Blasberg fragte seine Frau beim Verlassen der Kirche: „Warum hatte es der Pastor heute so eilig, ins Pfarrhaus zurückzukehren?“
Pfarrer Reichenbach wird die Predigt mit dem Vogel in der Tasche Zeit seines Lebens nicht vergessen haben.
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