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Zur Entstehung und Geschichte des Boule-Spiels (Pètanque) Boule/Petanque
gehört zu einer Gruppe von Spielen, von denen einige französische Boule-Spiele (neben Petanque insbesondere noch Jeu Provencal und Boule Lyonnaise), das italienische Boccia und das britische Bowls
heute am bekanntesten und verbreitetsten sind. Im 19. Jahrhundert waren Spiele dieser Art in Italien, Großbritannien und Frankreich als Volkssportarten mit regional unterschiedlicher Beliebtheit und mit lokal variierenden Regeln anzutreffen. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts begannen sie dann größere Bedeutung zu gewinnen. Das änderte sich im Austragen von Wettbewerben, in der Gründung von Clubs und Verbänden sowie insbesondere in der Vereinbarung überregional verbindlicher Regeln.
In Frankreich wurden etwa 1865 Regeln für Boule Parisienne (Boule de berges) entwickelt. Die ersten Regeln für Boule Lyonnaise vereinbarte man 1894 bei einem Turnier in Lyon, 1906 folgte die Gründung eines Verbandes für dieses Spiel. Aus Boule Lyonnaise entstand, mit einfacheren Regeln und kleineren Kugeln um 1907 das Jeu Provencal (provenzalisches Spiel). Durch weitere Vereinfachung der Regeln dieses Spiels entwickelte sich 1910 das Jeu de Petanque. In Italien wurde 1897/98 in Rivoli und Turin der erste regionale Bocciaverband (Piemont) gegründet, dem erst 1926 ein nationaler, italienischer Verband folgte. Die Entstehung von Pètanque Pètanque, so wird überliefert, entstand in der kleinen Hafen - und Werftenstadt La Ciotat, die etwa 30 km östlich von Marseille liegt. Berichtet wird: Einige
Spieler beschäftigten sich auf dem Bouleplatz der Stadt (an der heutigen Avenue de la Petanque gelegen) mit dem bewegungsreichen Jeu provencal. Jules LeNois, der zu dem Kreis gehörte, aber wegen einer Gehbehinderung nicht
mitmachen konnte - ob Rheuma oder ein Unfall die Ursache war, ist unsicher - saß auf einer Bank und schaute zu. Schließlich begann er sich den Unmut, nur zuschauen zu können, damit zu vertreiben, dass er seine Kugeln auf die
sehr kurze Distanz von nur drei Metern warf. In einer Spielpause kam sein Freund Ernest Piotet hinzu und leistete ihm bei dem neuen Zeitvertreib Gesellschaft. Andere schlossen sich an. Mit der Zeit einigte man sich darauf,
aus dem Abwurfkreis, stehend, auf sechs Meter Distanz zu spielen. Gleichzeitig wurden weitere Regeln entwickelt, die vom Provenzalischen Spiel abwichen. Das geschah im Juni 1910. An das Ereignis erinnert heute eine Tafel
an der Mauer des Pètanque-Platzes von La Ciotat.
Das Spiel gewann schnell Freunde in Marseille und in der ganzen Provence. Piotet war sein eifrigster Verfechter und bemühte sich um seine nationale Anerkennung, die er in der Bildung einer Petanque-Sektion im französischen Boule-Verband gesehen hätte, der damals von den Spielern des Boule Lyonnaise beherrscht wurde. Nach der letzten Ablehnung seines Antrags überredet er 1943 die Spieler des Provenzalischen Spiels, gemeinsam mit Pètanque einen neuen Verband zu gründen. Aus politischen Gründen konnte dieser Beschluss erst nach Kriegsende 1945 verwirklicht werden. Bis in die 50er Jahre blieb Petanque im Wesentlichen ein regionales Spiel in der Provence und im Süden Frankreichs. Der innerfranzösische Tourismus an die Cote d'Azur machte danach das Spiel in ganz Frankreich etwas bekannter. Seinen wirklichen Wachstumsimpuls erhielt es aber erst Anfang der 60er Jahre, als die repatriierten Algerienfranzosen im ganzen Land die Einheimischen zum Spielen anregten. Diese Entwicklung lässt sich anhand der Verkaufszahlen für Petanque-Kugeln nachweisen. In den letzten zwanzig Jahren dürften die Promotionsanstrengungen der Kugelhersteller zusammen mit der seit 1969 sehr aktiven Führung des französischen und des internationalen Verbandes zur Ausbreitung des Spiels wesentlich beigetragen haben. Der französische Verband gibt heute an etwa 500 .000 Spieler Lizenzen aus, die zur Teilnahme an Wettbewerben berechtigen. Schätzungen besagen, dass fünf bis acht Millionen Franzosen Petanque spielen. Dem internationalen Verband gehören inzwischen 27 Länder an. In Deutschland haben nach dem Zweiten Weltkrieg Spiele wie Boccia, Boule Lyonnaise und Petanque Anhänger gefunden. Frühere Traditionen mit ähnlichen Kugelspielen aus Deutschland sind nicht bekannt. Für die Einbürgerung der Spiele werden insbesondere Urlaubserfahrungen und die engeren Kontakte zwischen den westeuropäischen Ländern nach dem 2 .Weltkrieg als Ursachen genannt.1963 fanden sich Petanque-Spieler zum ersten Mal in einem Verein zusammen, nämlich dem Boule-Club Petanque in Bad Godesberg (laut Kölner Rundschau v. 7.2.1965). Petanque fand seine erste nationale Repräsentanz im 1980 gegründeten Deutschen Kugelsportverband, doch machten sich die Spieler bald wieder selbstständig und sind heute im Pètanque-Verband mit Sitz in Köln organisiert. Pètanque und Provenzalisches Spiel Die Popularität des Petanque-Spiels lässt sich zu einem guten Teil aus der relativ leichten Erlernbarkeit
der Bewegungsabläufe erklären. Das kann durch einen Vergleich mit dem Provenzalischen Spiel verdeutlicht werden. Während bei Petanque der Spieler im Kreis steht oder hockt, hat er beim Provenzalischen Spiel
komplizierte Bewegungen auszuführen: Beim Legen muss er einen Schritt aus dem Kreis heraustreten - meist seitlich, um eine optimale Wurfbahn zu finden - und kann das zweite Bein auf dem Boden im
Kreis belassen. Hebt er es aber ab, so darf er es erst wieder niedersetzen, wenn die Kugel gespielt wird. Typischerweise steht der Leger daher auf einem Bein. Der Schießer hingegen muss drei Schritte
aus dem Kreis herauslaufen - in Richtung der zu schießenden Kugel - und beim dritten Schritt seine Kugel spielen. Der Wurf wiederum ist nur gültig, wenn die Kugel in mindestens einem Meter Distanz
von dem angekündigten Zielobjekt aufschlägt. Der Name - Ped tanco Die Körperhaltung des Pètanque-Spielers hat dem Spiel seinen Namen gegeben. Pètanque ist abgeleitet aus dem erst seit etwa 1930 bekannten, französischen Begriff pied tanquè, der vom provenzalischen ped tanco stammt. Ped tanco heißt übersetzt: "Auf dem Boden fixierter Fuß". Die Spielregeln verlangen dementsprechend, dass die Spieler ihre Füße von deren Platz im Kreis erst vollständig abheben dürfen, wenn die gespielte Kugel den Boden berührt hat. Spielgelände und Spielfeld Ein trockener, fester Platz mit ein paar Bäumen, die Schatten spenden, wenn die Sonne heiß scheint,
das ist die ideale Umgebung für ein Pètanque-Spiel. In der Provence finden sich diese Plätze meist in der Nähe eines Cafès oder einer Bar, wo nach dem Spiel Sieger und Besiegte die Freundschaft bei
einem Gläschen wieder besiegeln können. Spielfeld Ein wichtiges Thema ist die Begrenzung des Spielfeldes. Bei Wettbewerben werden rechteckige
Flächen abgesteckt, die mindestens 4 x 15 m Seitenlänge haben müssen. Das Spiel soll in diesen Feldern durchgeführt werden, die Kugeln werden aber meistens noch als gültig akzeptiert, wenn sie in
die unmittelbar angrenzenden Felder laufen. Alle anderen Flächen sind unerlaubtes Gelände und Kugeln, die dorthin rollen, werden für ungültig erklärt. Wetter und anderes Am angenehmsten ist das Pètanque-Spiel bei warmem, trockenem Wetter, und zwar nicht nur wegen
der Bequemlichkeit, sondern auch weil das durchs schlechte Wetter geminderte körperliche Wohlbefinden den Spielerfolg behindert. Mit klammen Fingern spielt man ungenau. Von Pètanque wird niemand enttäuscht. Mit seinen leicht erlernbaren Grundregeln kann es ein
geselliger Freizeitspaß sein, auch für unerfahrene Spielerinnen und Spieler, die nur gelegentlich zu den Kugeln greifen. Die ersten deutschen Spieler sahen in dem Spiel häufig den Ausdruck einer geselligen und unkomplizierten, gallischen oder gar südfranzösischen Lebensart, dem "savoir-vivre", von dem sie auch zu Hause ein Stück für sich verwirklichen wollten. Inzwischen haben sich mit zunehmender Verbreitung neue Mitspieler gefunden, die mehr den Reiz des Spiels selbst als seine Herkunft im Auge haben. Zugleich hat der Gebrauch der französischen Fachausdrücke stark nachgelassen. Die wichtigsten französischen Boule-Ausdrücke Boule im Bild: Eine Auswahl von Postkarten
Das Spiel für die Seele ( aus der Zeitschrift: Stern ) Papazian ist Philosoph. Eine Berufsbezeichnung, die der Mensch im Süden Frankreichs auch ohne Studium führen kann. Eine dunkelgraue Baskenmütze beschattet sein zerfurchtes Gesicht. Er sitzt auf einer Bank unter Platanen auf der Place des Lices. Die Zigarette hält er in der linken Hand, als wollte er sie wiegen. In der rechten liegen zwei Eisenkugeln. Sie sind mit Kratzern und Kerben übersät. "Es gibt zwei Sorten von Männern", sagt Papazian. Er zieht an der Zigarette, Kunstpause. "Die einen hetzen auf dem Rasen wie die Verrückten dem Ball hinterher, Bon. Die anderen ...," er lächelt, so wie die Alten nun mal lächeln, die aus Erfahrung klug geworden sind, "die anderen schieben lieber eine ruhige Kugel." Voila, c'est ca. Das ist Boule. Unternehmen wie Mercedes-Benz oder L'Oreal schicken ihre Führungskräfte zu Papazian nach St-Tropez. Er gibt den gestressten Managern, Handelsvertretern oder Ingenieuren zuerst die Kugel und lehrt sie dann, dass Boule "ein Spiel für die Seele" ist. Eine entspannte Lebensart. Ihr Geheimnis, so Papazian , laute: Erlerne die Ruhe des Südens! Überlass die Adrenalinschocks den Verrückten! Entspanne im gemütlichen Wettstreit! Anders gesagt: Boule ist die konsequente Fortsetzung des Savoir-vivre. Mit seinem Freund Jean Leger führt Papazian den Club "La Boule Tropezienne". Der penible und korrekte Jean ist der Vorsitzende. Der Charmeur Papazian gibt den Mann für die Außendarstellung, den idealen Repräsentanten für einen Ort wie St-Tropez. Das Fischerdorf gilt immer noch als Treffpunkt des Jetsets, der alternden Millionäre und der immer jungen Playboys. Für Boulespieler ist St- Tropez zudem ein "mythischer Ort", wie Jean behauptet. "Hier muss man gespielt haben!" In St-Tropez hat ein regelrechter Boule-Tourismus eingesetzt. "Auch wenn die meisten von ihnen noch nicht unser Niveau erreichen, wir lassen sie trotzdem mitspielen", sagt Jean. Manche der Gäste kommen mehrmals im Jahr, um den Alten ihre Tricks abzuschauen. Die wunderschöne und altehrwürdige Place des Lices ist von Bars, Restaurants, Boutiquen, Hotels und
Lebensmittelgeschäften umsäumt. Der Mittelpunkt des Lebens von St-Tropez. Eine ideale Bühne für Boule. Das ist vom Gegner kaum besser zu machen. Also muss Raymounds Kugel aus dem Weg geschossen
werden. Noèl muss ran. Er ist der wortkarge Sprengmeister, im Boule-Jargon "tireur" genannt. Die kompliziertesten Kugelstellungen bombt er mit einem einzigen Wurf auseinander. Meist hält er seine
rissigen Hände vor seiner Eigentlich ist Boule ein einfaches Spiel, kompliziert ist nur die Taktik. Die einen legen eine Kugel nahe ans Ziel, die anderen müssen entweder dichter ran oder die gegnerische wegschießen - aus dieser simplen Konstellation ergeben sich die vielfältigsten Möglichkeiten. Hier beginnt der so beliebte Boule-Ritus: fragen, schauen, beurteilen. Wie gut liegt die Kugel des Gegners? Legen oder schießen? Dann erst die Entscheidung, die Konzentration, der Wurf. Das "bien joue", der Jubel. Oder das "merde", das Lamentieren. Während Papazian seine Kugel mit dem Lappen vom Staub säubert und sich auf seinen Wurf vorbereitet, lassen die anderen ihre Murmeln aus Eisen in den Händen aneinander klacken. Eine geradezu sinnliche Untermalung. Jeder hält die Kugeln auf seine Weise. Aber eines ist ihnen allen gemeinsam: Sie sind zärtlich zu ihren Spielgeräten. Die Finger tasten gedankenvoll die Rundungen ab. Niemals legen sie ihre Kugeln beiseite. Es hat schon etwas Machohaftes, wie sie ihre Boulekugeln behandeln. Eben noch liebevoll von allen zehn Fingern umworben, Sekundenbruchteile später Bombe, Rammbock, Geschoss. Papazian bringt sich in Stellung. Er lässt seine Kugel durch die Finger gleiten und beschwört die magische Freundschaft zwischen Hand und Eisen: "Ist die nicht da, kann man auch nicht gut spielen." Papazian ist ein Künstler, der die graziösesten Würfe inszeniert. Der Verlauf der Kugel spiegelt sich in
seiner Mimik wider. Er möchte, dass sie seiner Stimme gehorcht. Er beschleunigt oder bremst ihren Lauf. Er feuert sie durch Gesten an und treibt sie durch Schulterbewegungen nach vorn. Er mäßigt sie mit
der Hand; auf Zehenspitzen tänzelnd, mit ausgestreckten Armen verleiht er seinem Körper die eigenartigsten Bewegungen. Es scheint, als sei seine Seele in die Kugel gewandert - der Eisenball rollt so nah an das "cochonnet", dass nicht mal ein Blatt Papier dazwischenpasst. Papazian ist mal wieder
von sich selbst überwältigt. Er reißt die Arme hoch: "Ich bin ein Siegertyp!" Die Fanny küssen Ein Glück für ihn, dass er das Spiel nicht zu null vergeigt hat. Dann hätten er und seine Mitspieler die Fanny küssen müssen. Raymound der Poet
erzählt von dieser Boule-Sitte und lacht sich dabei kaputt. Fanny war der Legende nach ein kurvenreiches Mädchen aus Lyon und hatte einen Hintern, der so breit war wie ein Bidet. Sie schaute den Boulespielern zu,
hob für die Verlierer ihre Röcke und entblößte ihr nacktes Hinterteil, das dann zu küssen war. Heute hängt in fast jeder Boule-Bar eine Karikatur der Fanny als Bild oder Ikone, mit hoch gehobenem Rock, versteht sich,
und der liebevollen Aufforderung: "Baiser la Fanny!" BOULE IN ST-TROPEZ. Hier macht's am meisten Spaß. An der Cote d'Azur und in der Provence gibt es in jedem Dorf Bouleplätze. Die schönste Sandbahn liegt
auf der herrlichen Place des Lices in St-Tropez. Dort treffen sich am Nachmittag die Boulespieler. Der
Verein "La Boule Tropezienne" hat seinen Sitz direkt am Platz im "Cafe des Arts", ein weiterer
Treffpunkt ist "Le Cafe" gleich nebenan. An den Wochenenden finden oft "concours amicals", kleine Wettbewerbe, statt. Startgebühr: etwa 5 Euro. Kugelsicher unter Platanen (aus der Zeitschrift: merian) Boule ist die schönste Art, einen Nachmittag zu vertrödeln. Der Tod der Hektik, die Antidroge des Adrenalins. Hier ein Annäherungsversuch an Flugkurven, Schweinchen und eingekreiste Füße. Die Reise beginnt mit den Ohren. Schließe die Augen, lausche dem Klang der Provence. Ist es das Zirpen der Arkaden? Das Rauschen des Mistral? Nein, es ist das Knirschen von Sohlen auf Kies; das Reiben von Metall an Metall in derben Männerhänden; der melodische Disput knorriger Stimmen; das Kullern der Kugel über den holprigen Boden; und dann der satte metallische Schlag wie der des Hammers auf den Meißel, wenn der perfekte Wurf gelingt, das carreau: der Treffer, der die störende Kugel wegbefördert und die geworfene genau dort liegen lässt. Dann ein anerkennendes Murmeln: "Bien jouè".
Augen auf - zum Boule. Oder, nehmen wir es genauer: Pètanque. Das ist viel mehr als ein Hörspiel. Es ist das Spiel des Lebens, des
französischen jedenfalls. Ein linder Samstagnachmittag in Eygalières, eine Bank unter Platanen. Ein concours. So nennen sie hier die kleinen dörflichen Wettbewerbe, bei denen
sich Wochenende für Wochenende in der ganzen Provence ein paar 1000 Boulisten die Kugel geben. Renaults, Peugeots und Citroens halten auf dem Parkplatz, der auch der Boule-Platz ist.
Aus den Kofferräumen werden geheimnisvolle Utensilien gekramt. Bühne frei. Es tritt auf der liebenswerte Debattierer, der den Spielfluss hemmen wird mit der nie perfekt zu beantwortenden Dauerfrage "Tirer ou pointer'' - werfen oder legen? Wenn der Spieler am Wurf nicht auf seinen Rat hört, dann wirft er die Arme hoch und ruft: "Oh là là !'' Die nächste Rolle hat der Boule-Künstler, der über den Platz stolziert wie ein Gockel und dessen Fehlwürfe bei den anderen leise Häme auslösen. Dann gibt es den wortkargen Vollstrecker, der komplizierteste Dessins mit einem einzigen gewagten Wurf zu sprengen versteht; wenn das aber misslingt, wird er ein leises "merde" durch den Rauch seiner "Gitanes" pressen. Es gibt den lächelnden Giftmischer, der dem misslungenen Wurf des Gegners ein gönnerhaftes "Die Idee war gut" hinterherschickt. Junge und jüngere Männer sind auch da: sie bewegen sich wie die Eidechsen in der Sonne. Aber
entscheidend prägen das Bühnenbild die Alten und Ãlteren, die all die behagliche Behäbigkeit des Spiels in ihre eigene Körpersprache übersetzt haben - die sich nicht einmal unnötig bücken nach den
Kugeln, sondern sie am Magnetband hochschnappen lassen wie das Chamäleon die Fliege an der Zunge. Oder nicht? Jedenfalls muss darüber diskutiert werden, und das tun sie mit Wonne. Und Ausdauer. Sie haben die Ruhe weg. Dabei ist ihre Zeit begrenzt. Denn um halb sechs ist die Aufführung vorbei. Dann verschwinden sie wieder Richtung Ehefrau und Abendessen. Während des Spiels wird man nie jemanden beim Imbiss erleben, keinen mit Kühltasche oder Picknickkoffer. Zwei viel zu wichtige Dinge, als dass man sie verquicken dürfte: Boule und Essen. Das Unwiderstehliche an Pètanque DAS UNWIDERSTEHLICHE an Pètanque: Es ist ein Sport für Unsportliche. Und einer, der das Altwerden nicht zum Verfallsdatum macht, dem Alter Würde, ja, sogar Grazie lässt. Überall auf den Bühnen der Provence wird das sichtbar: auf dem Spielfeld beim Friedhof von Goult, dem Parkplatz von Venasque oder auf der Place von Eygalières. Nachmittags zwischen drei und halb vier kommen die Männer mit ihrem Kugelsack und Klappstuhl an, manche gebrechlich, einige von scheinbar abgrundtiefer Müdigkeit. Männer, die sich im Angesicht der Kugel auf geheimnisvolle Weise verändern, plötzlich Kraft und Autorität ausstrahlen. Diese Verwandlung spiegelt auch die Geschichte des Pètanque, das aus dem raumgreifenderen boule provencal hervorgegangen ist. Auf dem Boule-Platz von La Ciotat an der heutigen Avenue de la
Pètanque spielten im Frühsommer des Jahres 1910 ein paar Männer das athletische jeu provencal, das auch la longue (Langes Spiel") genannt wird. Ihr gehbehinderter Freund Jules Lenoir musste untätig
zuschauen. Da hatten sie die Idee, das Spiel so zu verändern, dass auch der Mann im Rollstuhl mitmachen konnte. Man legte fest, dass der kleine hölzerne Zielball, das "Schweinchen" (cochonnet),
nicht wie bisher 15 bis 21 Meter, sondern nur noch sechs bis zehn Meter weit zu befördern sei und das Werfen der Eisenkugeln nicht mit drei Schritten Anlauf, sondern stehend mit geschlossenen Füßen (provencalisch ped tanco, französisch pied tanquè) zu erfolgen habe. Heute erinnert eine Tafel am
Pètanque-Platz von La Ciotat an die Entstehung der beliebtesten Form des Boule, die sich auf das athletisch Nötigste beschränkt und dafür dem Spielerischen, Kommunikativen mehr Raum gibt. Es war
der Durchbruch zum wahren Volkssport. "Früher haben wir das nur in der Provence gespielt, heute ist es in ganz Frankreich verbreitet", sagt Didier Martinez, wirft die "Gitanes"-Maispapier-Zigarette weg und entblößt lächelnd ein paar bräunliche Zähne. Mit seinen beiden ausgelosten Mitspielern hat der 62-jährige Rentner den Concours in Eygalières gewonnen, gegen rund 50 andere, darunter auch ein halbes Dutzend Frauen (mehr als zehn Prozent der französischen Boule-Spieler sind inzwischen weiblichen Geschlechts). Für diesen Erfolg hat sich für Martinez die knapp einstündige Autofahrt aus Martigues am Rande der Camargue gelohnt. Einer wie er ist der geborene milieu (Mittelspieler), der das gefühlvolle Legen des Balls möglichst nah ans kleine Schweinchen ebenso beherrscht wie das dynamische Werfen, das Wegschießen der gegnerischen Kugeln. Als Erster tritt immer der pointeur in den Wurfkreis, als Letzter der tireur und dazwischen braucht man einen wie Martinez. Stolz zeigt er den Spieler-Pass, in dem seine Erfolge aufgeführt sind. Rund 500.000 Franzosen haben einen solchen Pass. Mindestens zehnmal so viele spielen Boule ohne Ausweis. Auch die Kugeln von Monsieur Martinez haben einen Ausweis. Da steht genau drin, was man über sich selbst nicht so gern im Pass läse: Alter, Umfang, Gewicht. Die Kugeln WIR WIEGEN DIE KUGELN in der Hand hin und her. Sie sind eine Wissenschaft für sich. Die angenehme Schwere lässt keine Fahrigkeit, keine Unruhe zu und verlangt Spieler, die mit beiden Beinen auf der Erde bleiben. Und dann die herrliche Kühle des Metalls, das sich in der Faust schnell erwärmt, beinahe verschmilzt mit den Poren, sowie die wunderbar glatte und zugleich ungleichmäßige Oberfläche, deren winzige Beulen und Krater von Tausenden Karambolagen erzählen. Ferner die feine Gravur der wichtigsten Charakter- eigenschaften - Herkunft, Gewicht und Seriennummer - und schließlich auch die Farbe: ein mattes Dunkelgrau, gestoßener Stahl mit der Patina und den Verfärbungen und Schattierungen eines alten, verlässlichen Werkzeugs. Dieses Werkzeug ist so groß wie eine Orange. Die geriffelten, schwereren, härteren, kleineren Kugeln
werden gelegt, also entweder gerollt oder in steifer Flugkurve nahe zum Ziel platziert (die Rillen helfen, Effet und Bodenhaftung besser umzusetzen). Die glatten, leichteren, größeren sind für die flache
Flugbahn geschaffen, fürs Wegschlagen anderer Bälle. Boule-Kugeln werden aus zwei Stahlhälften elektrisch verschweißt. Heute gibt es für das Spielgerät in Frankreich sogar eine Industrienorm. Sie soll
nicht nur das Mogeln erschweren - mit einer verbotenen Blei- oder Quecksilber-Füllung des vorgeschriebenen Hohlraums lässt sich durch Vergrößerung der Trägheit die Genauigkeit beim Legen
erhöhen (worauf bis zu 15 Jahre Sperre stehen) -, sondern auch verhindern, dass billige Importware den beiden großen französischen Herstellern das Geschäft vermiest. Die produzieren in jedem Jahr
mehr als fünf Millionen Kugeln. Es heißt, man müsse neue Kugeln mindestens eine Nacht mit ins Bett nehmen. Das Schweinchen in die Mitte, die drei anderen drumherurn, damit sie sich aneinander
gewöhnen. Wenn man sie nicht enttäusche, blieben sie Jahrzehnte treu. Selbst der Ort stellt kaum Ansprüche. Er kann ein Weg sein, ein Platz, ein Hof, mit Sand, Kies oder Schotter bedeckt, aber auch ein kurzer
Rasen oder ein Waldboden mit Nadelbelag. Nur asphaltglatt oder matschig-feucht darf er nicht sein. Die Spielregeln Gespielt wird in der Regel mit sechs Kugeln pro Partei. Beim Triplette zwischen Dreier-Teams hat jeder Spieler zwei Kugeln und beim Doublette zwischen Zweier-Teams jeder drei. Der seltenste, weil ungeselligste Fall ist das Tête a Tête das Spiel eins gegen eins, bei dem jeder Akteur drei Kugeln wirft. Zu Beginn einer Runde wird das cochonnet, das "Schweinchen", eine etwa tischtennisballgroße Holzkugel, 6 -10 m weit fortgeworfen. Die Mannschaft, deren Kugel(n) dem Schweinchen am nächsten liegt/Iiegen, hat die Runde gewonnen. Für jede ihrer Kugeln, die näher am Schweinchen liegen als die beste Kugel der Gegner, erhält sie einen Punkt, also bis zu 6 Punkte. Ein Spiel ist in der Regel beendet, wenn ein Team 13 Punkte erreicht hat. Zum Spielhergang: Wer zuerst wirft, wird ausgelost, von da an bestimmt die Lage der Boules, wer als nächster am Spiel ist. Wer die bestplatzierte Kugel hat, kann zusehen und seine Kugeln sparen, bis der Gegner eine bessere gelegt oder die bessere wegbefördert hat. Alle Würfe müssen mit geschlossenen Füßen (piedtanquê) aus einem Kreis heraus erfolgen, der zu Beginn um die Füße des ersten Werfers gezogen wird. Am Anfang der Partie wird versucht, eine Kugel möglichst nah an das Schweinchen zu legen (pointer). Hat der Gegner eine Kugel gut platziert, tritt Phase zwei in Kraft, das Werfen (tirer): Mit kraftvoller Ausholbewegung aus Häfte und Unterarm wird die Kugel in flacher, schneller Flugkurve auf die liegende Kugel des Gegners geschleudert, um sie wegzuschlagen. Im Idealfall bleibt die geworfene Kugel genau dort liegen, wo die andere zuvor lag. So kann man auch am Ende, wenn der Gegner seine Kugeln schon verschossen hat, mit ein paar exakt platzierten Kugeln leichte Punkte sammeln. Das Spielgerät in Maßen Die hohlen Boules bestehen aus elektrisch verschweißten Stahl-Halbkugeln. Durchmesser: 72-78 mm. Gewicht: 650 bis 800 g. Kosten pro Dreiersatz: Billigausführungen in Frankreich und Deutschland ab 25 Eur, gute Kugelsätze in Fachgeschäften 70 - 130 Eur. Tipp: Mit guten Kugeln wird man so schnell nicht in die Lage kommen, Artikel 4 des Petanque-Regelwerks bemühen zu müssen. Der legt fest: Zerbricht eine Kugel beim Aufprall, wird ihre Lage durch ihr größtes Bruchstück definiert. |
